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Zielsicher

Bhmnd Sulimans Weg zum Abitur ist ein ganz besonderer.

02
06.2021

Neulich war Bhmnd Suliman im Operationssaal. Als Zuschauer, nur um zu testen, ob Theorie und Praxis zusammenpassen. Theorie, das ist die Begeisterung für die Medizin. Praxis, das ist das blutige Handwerk der Chirurgie. „Ich habe es gut überstanden“, lacht Bhmnd. Theorie und Praxis scheinen zusammenzupassen. Also alles klar für die nächste Etappe. Nach dem Abitur wird Bhmnd ein Freiwilliges Soziales Jahr im Dreifaltigkeitshospital in Lippstadt machen. Das bringt eine Menge neue Erfahrungen und eine kleine Verbesserung des Notendurchschnitts. Bhmnd will Medizin studieren. Unbedingt. Dafür braucht man neben Begeisterung für den Beruf auch ein exzellentes Abitur. Ohne eine Eins vor dem Komma geht gar nichts. Die Eins hat er geschafft, exakt einen Durchschnitt von 1,7. Das reicht noch nicht ganz für die direkte Zulassung, aber die Grundlage ist solide.

So weit erstmal nichts wirklich Besonderes. Die Geschichte hinter der Note auf dem Abi-Zeugnis macht den Unterschied.

Schuljahresbeginn 2015/16. In der Klasse 7B sitzt ein Neuer. Unübersehbar ist er älter als die anderen. Deutsch spricht er nicht, ein bisschen Englisch. Der Junge hat einen seltsamen Vornamen, eine Ballung von Konsonanten: Bhmnd. „Ich habe nichts verstanden. Ich kannte zwei, drei Sätze: Guten Tag oder Guten Appetit.“ Erwitte, die Schule, die Klasse, das ist alles neu und unübersichtlich. Doch es ist auch eine Chance, endlich zur Ruhe zu kommen. Bhmnd geht nicht in die Details seiner Geschichte. „Das war nichts, was man sich wünschen würde“, sagt er und schiebt hinterher: „Ich habe die meisten meiner Ängste beseitigt.“

Er ist 14, als er Syrien verlässt. Im Land tobt der Bürgerkrieg. Auf seine Schule ist ein Anschlag verübt worden. Die Sulimans sind Kurden. „Unter kurdische Namen wurde in amtlichen Papieren ein roter Strich gemacht.“ Wer als Kurde zum Militärdienst gezwungen wurde, kehrte oft nicht zurück. „Und ich wollte keine Zivilisten töten“, sagt Bhmnd. Seine Eltern stimmen zu, dass er zunächst zu einer Tante in die Türkei fliehen und sich dann weiter durchschlagen soll. Der Junge schlägt sich durch. Allein im großen Flüchtlingsstrom des Sommers 2015. Durch die Türkei, Bulgarien, Ungarn und schließlich nach Deutschland. Vorläufige Endstation ist Dortmund. Da er immer schon etwas älter aussah als seine Altersgenossen, wird er in ein Heim für Erwachsene gesteckt. Irgendwann fragt ihn ein Übersetzer nach seiner Familie. Bhmnd erzählt seine Geschichte. Das Jugendamt wird eingeschaltet, holt ihn aus dem Heim und bringt ihn nach Erwitte.

Wohngruppen, Gastfamilien, ambulante Betreuung – es beginnt eine Serie von wechselnden Unterbringungen und immer neuen Bezugspersonen. „Ich habe dabei viele Freunde gefunden, aber es war auch nicht unproblematisch“, blickt Bhmnd zurück.

An unserer Schule ist er im Sommer 2015 nicht der einzige Flüchtling. Aus Syrien, Guinea, oder Bosnien kommen die Kinder und Jugendlichen, die neu in den Klassen sitzen. Untereinander knüpfen sie schnell Kontakte. Die Gespräche haben auch therapeutischen Charakter: „Ich habe das, was in Syrien passiert, zusammen mit den anderen verarbeitet.“

Ehrenamtliche bieten am SGE für die jungen Flüchtlinge mit riesigem Engagement und großem Zeitaufwand Deutschunterricht an. Bhmnd ist der beste Erfolgsnachweis dieser Arbeit. Innerhalb kurzer Zeit lernt er die völlig fremde Sprache, kann dem Unterricht problemlos folgen. Und nicht bloß folgen. Seine Noten sind gut. Von der 9. Klasse in Syrien zurück in die Sieben. „Das war nicht immer leicht, aber es war richtig“, bilanziert Bhmnd. In Mathematik und den Naturwissenschaften war es nicht so problematisch, den Anschluss zu bekommen. In Fächern wie Geschichte oder Geographie dafür umso schwerer. „In Syrien wird zum Beispiel Geschichte aus dem Blick Syriens und der arabischen Welt unterrichtet, hier aus europäischer Perspektive.“ Unterm Strich eine Bereicherung: „Ich weiß jetzt mehr, weil ich beide Sichtweisen kenne.“

Das Ziel hat er immer klar vor Augen. „Seit ich neun Jahre alt war, wusste ich, dass ich Arzt werden will.“ Erste Voraussetzung: das Abitur. Leistungskurse Mathematik und Chemie, Geographie als drittes Prüfungsfach und Deutsch als viertes. In den Ferien macht Bhmnd Praktika in Krankenhäusern in Warstein und Lippstadt. Medizin bleibt auch nach diesen praktischen Erfahrungen das Traumstudium.

In der Schule bringt Bhmnd sich ein, lässt sich in das Team der Schülervertretung wählen und ist im Schulsanitätsdienst aktiv. In der Lippstädter AWO-Gruppe „Migranten ein Gesicht geben“ macht er mit und wenn mal gerade keine Pandemie den Alltag einfriert, tobt er sich beim Kampfsport Ju-Jutsu aus.

Ablehnung, Rassismus? „Damit habe ich keine Erfahrungen gemacht.“ Schon damals in der Sieben habe man ihn freundlich aufgenommen. 2019 sind auch seine Eltern nach Deutschland gekommen. Die Familie ist wieder zusammen. Andere Geschwister leben in Österreich und der Schweiz. Eine Rückkehr nach Syrien ist für Bhmnd keine Perspektive.

Arzt werden - am liebsten Neurochirurg - und Deutschland etwas zurückgeben. Bhmnd sagt das ganz ohne Pathos. Ob Deutschland das zulässt? Noch ist der 20-Jährige immer nur geduldet. Alle zwei Jahre muss er einen aktuellen syrischen Pass vorlegen. Ein monströser bürokratischer Aufwand. Und immer bleibt diese Ungewissheit. Duldung ist eben nur Duldung auf Zeit.

„Ich bin Mitglied dieser Gesellschaft. Ich wüsste nicht, wie ich in Syrien leben sollte“, sagt Bhmnd. – Wenn man es rein ökonomisch sehe, habe Deutschland ja auch schon eine Menge in seine Ausbildung investiert. Wer investiert, erwartet Rendite. Die Voraussetzung ist optimal, nicht nur theoretisch. (huk)

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